In Berlin-Mitte stehen immer wieder Gebäude leer: ehemalige Fabrikhallen, Ladenlokale in Seitenstraßen, vergangene Büroflächen. Als Journalistin, die täglich durch die Stadt fährt und mit Kreativen, Politikern und Hauseigentümern spricht, frage ich mich: Wie können diese kulturellen Leerstände mit privaten Patenschaften zu bezahlbaren Ateliers für Künstlerinnen und Künstler werden? Ich habe Projekte besucht, Gespräche geführt und wünsche mir, dass gute Ideen skaliert werden. In diesem Beitrag skizziere ich Praktiken, beantworte die drängendsten Fragen und zeige, wie private Patenschaften konkret wirken können.
Warum sind Leerstände in Mitte ein Problem — und zugleich eine Chance?
Leerstände bedeuten verpasste Nutzung: keine Kulturveranstaltungen, keine Arbeitsplätze, oftmals verödete Straßenzüge. Gleichzeitig bieten sie Raum — buchstäblich — für künstlerische Produktion, soziale Projekte und experimentelle Formate. In einer Stadt, in der Mieten steigen und Ateliers zunehmend rar werden, können temporär genutzte Räume eine Lücke schließen.
Ich höre oft: „Das ist doch nur eine Zwischenlösung.“ Ja, temporäre Nutzung ist manchmal provisorisch. Aber provisorisch kann produktiv sein, wenn sie zielgerichtet begleitet wird. Mit privaten Patenschaften lassen sich Leerflächen so vermitteln, dass daraus langfristig tragfähige Atelierstrukturen entstehen — zumindest für viele Kreative, die aktuell kaum Perspektiven in Mitte sehen.
Was bedeutet „private Patenschaft“ konkret?
Private Patenschaften sind Vereinbarungen zwischen Eigentümerinnen/Eigentümern von leerstehenden Räumen und einer privaten Person oder Organisation (z. B. Unternehmen, Stiftungen oder Einzelpersonen), die die Nutzung begleitet und finanziell oder organisatorisch unterstützt. Die Patin oder der Pate vermittelt, zahlt abgestufte Nutzungsbeiträge, übernimmt die Versicherung, sorgt für Instandhaltung oder vermittelt zwischen Mietern und Eigentümer.
Solche Patenschaften können unterschiedlich aussehen:
Wie entsteht ein tragfähiges Modell — Schritt für Schritt
Aus meinen Recherchen und Gesprächen mit Initiativen wie dem Künstlerkollektiv X oder kleineren Projektträgern lassen sich folgende Schritte ableiten:
Welche Fragen stellen sich Interessierte am häufigsten?
Ich habe die wichtigsten Fragen gesammelt und beantworte sie hier so praxisnah wie möglich.
Ist das legal? Muss ich Baugenehmigungen einholen?
Das hängt von der Nutzung ab. Für reine Atelier- und Büroarbeiten sind oft keine großen Umbauten nötig. Für öffentlich zugängliche Ausstellungen oder Veranstaltungen können Brandschutzauflagen, Toiletten-Anforderungen oder Lärmschutz relevant werden. Die Patinnen und Paten helfen häufig bei der Abstimmung mit Bezirksämtern. Tipp: frühzeitig das Ordnungs- oder Bauamt kontaktieren.
Wer haftet bei Schäden?
Das regelt der Patenvertrag: In der Regel übernimmt die Nutzergruppe eine Haftpflichtversicherung; größere Renovierungen werden vorab dokumentiert. Gute Praxis ist ein Übergabeprotokoll mit Foto- und Zustandsbeschreibung.
Wie bezahlbar sind solche Ateliers wirklich?
„Bezahlbar“ bedeutet nicht unbedingt „sehr günstig“, sondern planbar und sozial gestaffelt. Patenschaften können Mietkosten subventionieren, Strom- und Heizkosten teilweise übernehmen oder Investitionen durch Sponsorships ermöglichen. In einigen Projekten zahlten Künstler*innen symbolische Mieten (z. B. 1–5 Euro/qm) plus eine Beteiligung an Nebenkosten; in anderen wurden kulturelle Gegenleistungen (Öffnungstage, Workshops) vereinbart.
Gibt es erfolgreiche Beispiele?
Ja. In Berlin gibt es mehrere Initiativen, die als Vorbild dienen können. Ich habe mir unter anderem folgende Modelle angesehen:
| Projekt | Modell | Besonderheit |
| Tempelhof Ateliers | Langfristige Zwischennutzung mit Stadtbeteiligung | Integration in städtische Kulturförderung |
| Kiezwerkstatt X | Private Firma pattet Räume | Unternehmensnetzwerk bietet Materialspenden |
| Galerie im Hinterhof | Community-finanzierte Renovierung | Betreibermodell mit wechselnden Künstlern |
Diese Projekte zeigen: Es funktioniert, wenn klare Regeln, Transparenz und ein Unterstützungspartner vorhanden sind.
Welche Rolle können Unternehmen und Marken spielen?
Unternehmen können mehr als Geldgeber sein. Meine Gespräche mit Vertretern aus der Kreativwirtschaft haben mir gezeigt, dass Unternehmen vor allem durch Know-how und Netzwerke helfen: Marketing für Ausstellungen, Sachspenden (Werkzeuge, Materialien), Logistikunterstützung (Transporter von Lieferdiensten wie Flink oder DHL), IT-Ausstattung (Laptops von Herstellerinnen wie Lenovo oder Apple) oder Workshops für die Künstlerinnen. Solche Kooperationen machen Projekte sichtbarer und nachhaltiger.
Wie können Nachbarschaften und Öffentlichkeit eingebunden werden?
Transparenz ist essenziell. Offene Werkstatt-Tage, Nachbarschaftstreffen und partizipative Formate reduzieren Konflikte. Ich habe bei einem Projekt erlebt, wie regelmäßige „Open Studio“-Sonntage Nachbarinnen mobilisierten und lokale Cafés vernetzten: Die Künstlerinnen übernahmen kleine Ausstellungen, das Café spendierte Kuchen — ein einfaches, aber wirksames Modell.
Welche Risiken gibt es?
Es gibt mehrere Fallstricke: kurzfristige Kündigungen durch Eigentümer, mangelnde Finanzierung nach Ablauf der Patenschaft, Konflikte mit Anwohnerinnen wegen Lärm oder Müll. Gute Verträge, transparente Kommunikation und eine Exit-Strategie (z. B. Unterstützung bei Suche neuer Räume) minimieren diese Risiken.
Was kann jede_r Einzelne tun?
Du musst kein Millionär sein, um zu helfen. Möglichkeiten:
Ich glaube, dass private Patenschaften ein wirkungsvolles Instrument sind, um kulturelle Leerstände in Mitte nicht einfach zu verwalten, sondern kreativ zu beleben. Es braucht die Bereitschaft von Eigentümerinnen, Mut von Künstlerinnen und die Vernetzung durch Pat*innen — dann können aus leeren Räumen lebendige Ateliers werden, die das kulturelle Leben der Stadt bereichern.