Wie ein radnetz ausgebaut werden muss, damit berlin wirklich fahrradstadt wird

Wie ein radnetz ausgebaut werden muss, damit berlin wirklich fahrradstadt wird

Als Journalistin, die täglich durch Berlin radelt, sehe ich genau, wo die Stadt auf dem Weg zur echten Fahrradstadt noch stolpert. Ein dichtes, sicheres und vernetztes Radnetz ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung dafür, dass mehr Menschen das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel wählen. In diesem Text beschreibe ich, wie ein solches Radnetz ausgebaut werden muss — praktisch, politisch und planerisch — damit Berlin wirklich fahrradfreundlich wird.

Warum ein Radnetz mehr ist als ein paar Radwege

Viele denken beim Thema Fahrrad einfach an einzelne Radstreifen an Hauptstraßen. Das reicht nicht. Ein Radnetz muss zusammenhängend, komfortabel und für alle Verkehrsteilnehmenden verständlich sein. Für mich heißt das: Es geht nicht nur um Länge von Radwegen, sondern um Qualität an Knotenpunkten, Kontinuität, Sicherheit und Alltagsnutzen — auch bei Dunkelheit, Regen oder wenn ich mit Einkäufen oder Kindern unterwegs bin.

Priorität: geschützte Radinfrastruktur statt bloßer Markierung

Was wir in Berlin dringend brauchen, sind physisch geschützte Radstreifen, nicht nur weiße Linien. Schutz bedeutet Barrieren (z. B. Poller, mittelhohe Bordsteine oder bepflanzte Trenner), sichere Übergänge an Einmündungen und deutlich sichtbare Vorfahrtsregelungen für Radfahrende. Ich habe selbst erlebt, wie unsichere Kreuzungen Menschen vom Radfahren abhalten — besonders ältere Menschen und Familien.

Beispiel aus anderen Städten: In Kopenhagen und Amsterdam sind Fahrradstreifen durch Erhöhungen oder Parktaschen klar vom Autoverkehr getrennt. Das reduziert Konflikte und schafft Vertrauen.

Schlüsselpunkte am Knoten: sichere Kreuzungen und Ampelphasen

Kreuzungen sind die gefährlichsten Stellen. Hier müssen wir in Berlin intelligentere Lösungen umsetzen:

  • Vorgezogene Aufstellflächen für Radfahrer*innen an Ampeln (Bike Boxes), damit Sichtbarkeit und Vorrang verbessert werden.
  • Separate Ampelphasen für Radverkehr, wo nötig, inklusive Fahrrad-Signalgeber mit integrierter Fahrrad-Countdown-Anzeige.
  • Grüne Wellen für Fahrräder, also koordiniertes Ampelmanagement, das Radfahrenden mit moderater Geschwindigkeit Vorrang verschafft.

Netz statt Insellösungen: Kontinuität gewährleisten

Ein echtes Radnetz heißt: von A nach B ohne Lücken. Das erfordert eine strategische Netzplanung mit Prioritäten:

  • Hauptachsen (Rad-Hauptrouten), die Stadtbezirke miteinander verbinden.
  • Feinverästelung in Wohngebieten, die sichere Zubringer zu den Hauptachsen bieten.
  • Radschnellwege für Pendler*innen, die längere Strecken zurücklegen — zügig, breit und mit guter Beleuchtung.

Oberfläche, Beleuchtung und Winterdienst: Alltagstauglichkeit

Ich ärgere mich jedes Mal über Flickenteppich-Asphalt oder schlecht beleuchtete Wege. Eine hochwertige Oberfläche ist zentral: keine Schlaglöcher, gute Drainage und rutschfeste Beläge. Ebenso wichtig ist regelmäßiger Winterdienst. Wenn Radwege bei Schnee nicht geräumt werden, fällt das Fahrrad als Transportmittel für Wochen aus.

Parken, Abstellanlagen und Diebstahlschutz

Viele Menschen zögern, ihr Fahrrad anzuschaffen, weil es kaum sichere, überdachte Abstellplätze gibt. Lösungen, die ich unterstütze:

  • Fahrradparkhäuser an Bahnhöfen und Knotenpunkten (mit Videoüberwachung, Schließfächern für Helme und Reparaturstationen).
  • Mehr massiv befestigte Fahrradbügel in Wohnvierteln, auch überdacht.
  • Förderprogramme für sichere Abstellplätze in Wohnanlagen und Gewerbegebieten.

Multimodalität: Integration mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Berlin ist stark vernetzt — das Radnetz muss das werden. Ich möchte mein Rad unkompliziert mit S- und U-Bahn kombinieren können. Das bedeutet:

  • Mehr Fahrradmitnahme in Zügen und klare Regelungen in S- und U-Bahn.
  • Großzügige Radabstellanlagen an Knoten (z. B. an großen S-Bahnhöfen wie Ostkreuz, Südkreuz).
  • Förderung von Bike-Sharing (z. B. Nextbike, BVG–Call a Bike, Lime) als Ergänzung zur eigenen Mobilität.

Lastenräder und Lieferverkehr: Platz für neue Mobilität

Der Lieferverkehr ist eine Herausforderung, gleichzeitig bieten E-Lastenräder eine Chance. Ich sehe immer mehr Paketzusteller auf Lastenrädern; wir müssen dafür Ladezonen und Vorrang auf Radachsen schaffen. Lokale Förderprogramme für Lastenräder (für Familien und Gewerbe) machen die Innenstadt lebenswerter, weil weniger Lieferfahrzeuge im Durchgangsverkehr sind.

Rechtsrahmen, Verkehrsberuhigung und Tempo 30

Ein dichteres Radnetz braucht politische Entscheidungen. Tempo 30 auf vielen innerstädtischen Straßen reduziert Lärm, Schadstoffe und Unfallrisiken. Ich plädiere für eine mutigere Verkehrsberuhigung: mehr Fahrradstraßen, Begegnungszonen und vermehrt Tempo-30-Zonen dort, wo Fuß- und Radverkehr dominieren. Rechtliche Klarheit hilft auch: wer hat Vorrang, wie werden Konflikte an Kreuzungen geregelt — das muss einheitlich und verständlich sein.

Finanzierung und Prioritätensetzung

Ein guter Ausbau kostet Geld, aber er rechnet sich: weniger Staus, bessere Luft, mehr lokale Wirtschaftskraft. Ich fordere klare Budgetverpflichtungen — nicht nur temporäre Projekte. Berlin braucht einen langfristigen Investitionsplan mit festen Mitteln für das Radnetz, inklusive Unterhalt. Öffentliche Gelder sollten dort gebunden sein, wo dauerhafte, qualitative Verbesserungen entstehen, nicht nur kurzfristige Markierungen.

Bürgerbeteiligung und Lokalwissen nutzen

Ich recherchiere oft vor Ort und höre den Menschen zu: Eltern, Pendler*innen, Ladenbesitzer*innen. Diese lokalen Erfahrungen müssen in die Planung einfließen. Digitale Meldeplattformen (wie Fahrrad-Apps oder städtische Portale) sind hilfreich, um Gefahrenstellen zu identifizieren. Gleichzeitig braucht es echte Beteiligungsformate — Workshop-Reihen, temporäre Pop-up-Radwege und Feldtests, bevor endgültige Umplanungen kommen.

Messbare Ziele und Monitoring

Damit der Ausbau nicht zahnlos bleibt, braucht Berlin messbare Ziele: Anteile am Modal Split (Ziel: deutlich über 25-30 % Fahrradanteil im Innenstadtbereich), Anzahl sicherer Kreuzungen, Kilometer geschützter Radstreifen, Nutzungszahlen von Fahrradparkhäusern. Ein transparentes Monitoring und jährliche Berichte schaffen Rechenschaftspflicht.

Problem Konkrete Maßnahme
Lücken im Netz Priorisierte Hauptachsen & Zubringer
Unsichere Kreuzungen Separate Ampelphasen, Bike Boxes, Vorfahrtsregelungen
Schlechte Oberflächen Qualitativ hochwertiger Belag, Wartungspläne
Wenig sichere Abstellplätze Fahrradparkhäuser, mehr Bügel, Förderprogramme

Ich sehe Berlin als Stadt mit dem Potenzial, eine echte Fahrradstadt zu werden — nicht morgen, aber planbar in den kommenden Jahren. Es braucht Mut, Prioritätensetzung und das konsequente Umsetzen von Maßnahmen, die nicht nur schön aussehen, sondern im Alltag funktionieren. Ich werde weiter vor Ort recherchieren, mit Radfahrenden sprechen und dokumentieren, welche Maßnahmen wirken — und welche nicht. Denn nur ein Radnetz, das den Alltag der Menschen berücksichtigt, wird die Mobilitätswende in unserer Hauptstadt wirklich voranbringen.


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