In vielen Kiezzentren, die ich in den letzten Jahren besucht habe, sehe ich denselben Wandel: klassische Einzelhändler kämpfen mit sinkenden Umsätzen, leerstehenden Schaufenstern und veränderten Kundenbedürfnissen. Gleichzeitig wachsen Coworking‑Spaces in Berlin weiter — nicht nur in Mitte oder Kreuzberg, sondern auch in Randbezirken. Mir wurde schnell klar: Diese beiden Entwicklungen müssen kein Widerspruch sein. Im Gegenteil. Coworking‑Spaces können für bestehende Einzelhändler eine echte Chance sein, sich neu zu positionieren und zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen.
Warum Coworking und Einzelhandel zusammenpassen
Auf den ersten Blick scheinen Büros und Läden wenig gemeinsam zu haben. Doch wer genauer hinsieht, erkennt gemeinsame Bedürfnisse: Menschen suchen nach Orten, an denen sie arbeiten, sich treffen und ihre Zeit verbringen können — und sie wollen das möglichst lokal. Für viele Einzelhändler bedeutet ein Coworking‑Space mehr Laufkundschaft, eine konstante Community und neue Nutzungsmöglichkeiten ihres Ladenraums.
Ich habe in einem Kiez in Prenzlauer Berg beobachtet, wie ein kleiner Buchladen eine Ecke als „Lese‑ und Arbeitszone“ umgebaut hat. Plötzlich blieben Nachbarn länger, tranken Kaffee, kamen mit Freunden wieder und kauften Bücher. Die Synergie war direkt spürbar: Coworker schätzen die gemütliche Atmosphäre, der Buchhändler gewinnt Stammkunden.
Konkrete Chancen für bestehende Einzelhändler
Die Möglichkeiten sind vielfältig — hier ein Überblick über das, was ich als besonders relevant empfinde:
Wie ein Laden zum Coworking‑Hubs werden kann
Es braucht nicht viel, um einen klassischen Shop teilzeitweise als Coworking‑Ort zu nutzen. In meiner Reportage über einen Gemischtwarenladen in Neukölln habe ich gesehen, wie die Besitzerin ab 10 Uhr einen Teil des Ladens mit Tischen, Steckdosen und WLAN ausstattete. Für eine geringe Tagesgebühr konnten Freelancers dort arbeiten. Das Ergebnis: Der Umsatz des Ladens stieg durch Kaffee‑ und Snackverkäufe, gleichzeitig entstanden neue Kontakte zu lokalen Kreativen.
Mögliche Modelle:
Praktische Tipps zur Umsetzung
Aus meinem Austausch mit Ladenbesitzern und Coworking‑Betreibern habe ich einige praktische Schritte mitgenommen:
Beispiele aus Berlin
In Berlin gibt es bereits spannende Beispiele, die zeigen, wie gut das funktionieren kann. Ein Café in Friedrichshain fungiert gleichzeitig als Micro‑Coworking für Kreative; ein Schuster in Wedding hat seine Werkstatt so umgebaut, dass Bildhauer und Designer dort projektweise arbeiten und seine Schuhe reparieren lassen — Zusammenarbeit, statt Konkurrenz. Solche Modelle zeigen, dass auch traditionelle Handwerksbetriebe von kreativen Nutzungen profitieren können.
Wirtschaftliche Aspekte und Einnahmemodelle
Für viele Händler ist die Frage entscheidend: Lohnt sich das finanziell? Hier einige Einnahmequellen, die ich beobachtet habe:
| Investition | Mögliche Einnahme | Zeithorizont |
|---|---|---|
| WLAN, Tische, Steckdosen | Geringe Startkosten → direkte Einnahmen | 1–3 Monate |
| Renovierung, Schallisolierung | Höhere Attraktivität → stabilere Preise | 3–12 Monate |
| Marketing & Partnerschaften | Erhöhung der Auslastung | 1–6 Monate |
Herausforderungen, die man nicht ignorieren sollte
Neben Chancen gibt es auch Stolpersteine. Persönlich bin ich immer vorsichtig, wenn Veränderungen zu schnell und ohne Einbindung der Nachbarschaft passieren. Wichtige Risiken:
Deshalb empfehle ich, vor einem dauerhaften Umbau mit einem Testzeitraum zu starten, Anwohner zu informieren und eventuell mit dem Bezirksamt oder der Handelskammer zu sprechen, bevor feste Kosten entstehen.
Communityaufbau: Das Herzstück
Für mich ist klar: Ohne Community funktioniert kein Coworking‑Projekt nachhaltig. Einzelhändler sollten deshalb aktiv Netzwerke pflegen — lokale Meetups veranstalten, Kooperationen mit Stadtteilinitiativen eingehen und regelmäßige Events anbieten. Ein Beispiel: Ein kleiner Laden veranstaltete wöchentlich einen „After‑Work‑Kiezstammtisch“ für Selbstständige. Das stärkte den Zusammenhalt und brachte Kunden zurück in den Laden.
Wie die Stadt und Förderprogramme unterstützen können
Zuletzt lohnt sich ein Blick auf Fördermöglichkeiten. In Berlin gibt es Programme zur Stärkung der Innenstädte und Kieze, manchmal mit Zuschüssen für Umbauten oder Beratungsangebote. Ich habe Händler getroffen, die durch eine kleine Förderung Ladenecken für Coworking‑Nutzungen modernisieren konnten — ein Hebel, den man nutzen sollte.
Für Einzelhändler bedeutet die Zusammenarbeit mit Coworking‑Konzepten nicht, das traditionelle Geschäft aufzugeben. Vielmehr kann es eine Chance sein, das Angebot zu diversifizieren, neue Zielgruppen zu erreichen und langfristig die wirtschaftliche Basis des Ladens zu stabilisieren. Wenn man offen für Kooperationen ist und die Nachbarschaft einbezieht, entstehen oft die kreativsten Lösungen — davon habe ich in Berlin schon viele gesehen.